Flutlichtmasten statt Baukasten: Ein Stadion mit Charakter

Veröffentlicht am 29. August 2026 um 09:43

Wer sich für die Architektur kleiner Fussballstadien interessiert, dem sei das neu erstellte Lustenauer Reichshofstadion ans Herz gelegt. Es ist der Beweis dafür, dass moderner Stadionbau nicht seelenlos sein muss.

Ich liebe alte Tribünen, die von vergangenen Erfolgen erzählen. Ich liebe über Jahrzehnte gewachsene Fussballstadien, deren unterschiedliche Ränge die sportlichen Auf- und Abstiege widerspiegeln – Plätze mit Naturrasen, mitten im Wohnquartier, mit klassischen Flutlichtmasten, alten Kassenhäuschen und improvisierten Grillständen. Doch das heisst nicht, dass man Neues kategorisch ablehnen sollte. Die vielerorts entstandenen Baukasten-Stadien von der Stange sind oft steril und langweilig, auch wenn sie eine bessere Sicht und Akustik bieten als die alten Betonschüsseln mit Laufbahn.

Dass es im modernen Stadionbau auch im kleinen Rahmen Entwicklungen gibt, zeigt die neue Heimat von Austria Lustenau. Das Stadion ist mit seinen 5‘138 Plätzen nicht gross, aber architektonisch wurde hier vieles richtig gemacht.

Da wären zum einen die ikonischen Flutlichtmasten. Während Scheinwerfer heute fast nur noch im Tribünendach integriert werden, ging man in Lustenau einen anderen Weg. Aus Rücksicht auf die direkt angrenzenden Anwohner durften die Tribünen eine Höhe von neun Metern nicht überschreiten. Da eine blendfreie Ausleuchtung aus dieser niedrigen Höhe technisch unmöglich war, inszenierte das Architektenteam die Flutlichtstrahler als 40 Meter hohe, skulpturale Eckpylonen. Damit hat die Austria ein Erkennungsmerkmal geschaffen – eine weithin sichtbare Landmarke, die längst auch T-Shirts und Fanartikel ziert.

Zum Vorarlberger Publikum passt auch die Materialwahl und die Dimensionierung. Der massive Einsatz von unbehandeltem Fichtenholz widerspiegelt die regionale Baukultur und sorgt im Innenraum für eine Wohnzimmeratmosphäre. Aufgeteilt in 3‘094 Sitzplätze und 2‘044 Stehplätze hat das Stadion genau die richtige Grösse. Selbst in der höchsten österreichischen Liga ist das Stadion längst nicht immer ausverkauft, was dem familiären Charme aber keinen Abbruch tut.

Die Austria hat es geschafft, ihre typische Vorarlberger Gemütlichkeit in die Moderne zu retten. Das Herzstück des Stadionerlebnisses schlägt nach wie vor vor und nach dem Spiel im Austria-Dorf auf dem grosszügigen Vorplatz. Das Areal war schon im alten Stadion für seine vielseitige Kleingastronomie bekannt: Neben klassischen Stadion-Snacks gibt es wechselnde kulinarische Angebote und Kioske, an denen man sich bei Bier und regionalen Spezialitäten trifft. Auch der neue Fanshop fügt sich hier perfekt ein und hält für Austria-Fans tragbare Sachen bereit.

Kurzum: Modern muss nicht schlecht sein. Ein Neubau darf nur nicht auf der rein funktionalen Ebene stecken bleiben – er braucht Charakter und muss zum Verein passen. Bei Austria Lustenau wurde dieses Kunststück gut gelöst.

Dunkle Wolken über dem Reichshofstadion - zumindest was das Spiel anbelangte passend. 4'219 Zuschauer kamen zum Spiel Austria Lustenau - WSG Tirol in der österreichischen Bundesliga.

Nicht viele konnten sich über den 4:0-Erfolg der WSG Tirol freuen. Die in Innsbruck spielenden Wattenser hatten nur eine sehr überschaubare Fanszene in Lustenau dabei.

Eines hat sich seit meinem letzten Besuch vor rund 20 Jahren nicht geändert, die Austria-Fans stehen für 90-Minuten-Dauersupport. Ganz ehrlich, mein Fall ist das nicht, mir fehlt der Spielbezug.

Stehen auch nach der überraschenden 4:0-Niederlage hinter ihrem Team: Die Austria-Fanszene.

Das neue Austria-Dorf

Das alte Austria-Dorf

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