Die Fanzine-Welt der 1990er und die Erstausgabe
In den 1990ern hatte es mir die kreative Strassenliteratur der neu entstandenen Fanzines angetan. Die BUDE aus Dortmund, natürlich die St.-Pauli-Hefte, der Offenbacher ERWIN oder das Leipziger «Melk die fette Katze». Die Hefte bekam man durch Kontakte und glückliche Umstände. Den mit Schreibmaschine erstellten «Fan-Treff» erwarb ich mit zittrigen Händen als geleimte Sammelbandausgabe an einem Stuttgarter Bierkiosk. Mitunter schlimme Formen von Literatur, aber schon die darin abgebildeten Aufnäher wirkten authentisch.
Man erlebte auch manche groteske Überraschung. So erfuhr der überregionale «Fan-Treff» eine inhaltliche Wandlung vom Fussballheft zur Förderung fairer Fankultur zum Sprachrohr der deutschen Hooligan-Szene.
Und dann kam die «Baufresse» von Andreas Gläser und seinem BFC-Umfeld. Den Ton getroffen, die Bilder in Heft und Kopf gesetzt, die Pointen überraschend. Den Blick über den Fussballrand hinaus gerichtet und doch im Herzen des Tribünenvolkes. Jetzt wusste ich: Man kann Fanzines auch in gut machen. In richtig gut. Es befeuerte meine Schreiblust, auch wenn man am beschaulichen Bodensee nicht die gleiche Sprache hatte wie die BFC-Bobbys.
Viele Jahre und Fanzines später sass ich bei Andreas im Prenzlauer Berg und spielte mit ihm Tipp-Kick.
Es folgte eine von mir dirigierte Schweizer Lesetour durch Kreuzlingen, Basel, St. Gallen und Winterthur – dort mit unserem Schweizer Aushängeschild Pascal Claude. Andreas sang «Sport frei», Pascal legte Platten auf.
Da waren sie vereint: Andreas mit der proletarischen Prosa des Prenzlauer Bergs, Pascal mit seinem Gespür für Schweizer (Fussball-)Miniaturen und die Grotesken am Weges- und Spielfeldrand. Beides Teil meiner Fussballsozialisation. Besser konnte es nicht werden.
Bekanntestes Werk von Andreas war sein 2002 erschienenes Buch «Der BFC war schuld am Mauerbau». Eine Sammlung persönlicher Geschichten und Anekdoten, auch abseits des Fussballs. Die in sich geschlossenen Kurzgeschichten waren durch Andreas' besondere Sprache verbunden; sie waren Fenster in einen Mikrokosmos.
«Der BFC …» war ein kleiner Hit, fand sein Publikum weit über Fanzine-Leser und Stadiongänger hinaus und erreichte stolze 8'000 verkaufte Exemplare. Es war die Zeit, als der eine oder andere Fanzine-Schreiberling kommerziell erfolgreich wurde. Philipp Köster entwickelte das Bielefelder Fanzine «Um halb vier war die Welt noch in Ordnung» zu «11 Freunde». Der genannte «Fan-Treff» wurde zur Hochglanzausgabe «Match Mag» und fand sich an Bahnhofskiosken.
Andreas dagegen blieb den Lesebühnen und dem BFC erhalten.
Meine Schweizer Lesetour mit Andreas. Auftritt in der Libero-Bar mit Pascal Claude. Am faszinierendsten war der Abend bei den Ultras des FC St. Gallen. Zunächst wirkte alles erstaunlich desinteressiert – mit Ausnahme der anwesenden Polizei in Zivil. Doch nach der Lesung wurde Andreas mit Fragen aus dem Publikum überhäuft, die mitgebrachten Bücher waren restlos ausverkauft und schliesslich musste er sogar eine Nachsendeliste anlegen. Eigentlich sagt das alles über die Ostschweiz: zuerst reserviert, aber im Herzen dann umso mehr dabei.
Die Neuauflage
Kürzlich ist der längst vergriffene «Der BFC war schuld am Mauerbau» in einer überarbeiteten Neuauflage beim Arete-Verlag erschienen. Die 500er-Auflage zeigt auf dem Umschlagbild eine scheinbar den BFC-Messias erwartende jugendliche Fussballmeute. Andreas und einige weitere heute noch anzutreffende Protagonisten sollen darauf zu finden sein. Herrlich.
Inhaltlich – und das macht die Neuauflage so interessant – wurde massiv umgebaut. Einige autobiografische und alltägliche Geschichten wie «Zangengeburt», «Nachmieter gesucht», «Stubenhocker», «Die SPD müsste mal wieder eine Revolution machen!» und einige mehr sind 2026 verschwunden. Die neue Auflage legt den Fokus stärker auf den BFC, Fussball, Ost-Berlin und die Fankultur.
Hineingerutscht sind Kapitel wie «Die Sparwasser-Krise», «BSG Obertrikotagen Apolda, immer», «Als ich wahrscheinlich das erste Mal Sex hatte», «Es fährt ein Zug nach Nirgendwo», «Niemand hat die Absicht, eine Fan-Freundschaft zu errichten», «Der Pferdemörder von Millwall oder Darling, ich war nie ein Gerüstbauer», «Dynamoland», «Das Karussell des Clowns» oder «Unter Brillenschlangen». Das lässt die Originalausgabe natürlich unverzichtbar bleiben. Nicht als bessere Ausgabe, sondern als eine andere Momentaufnahme desselben Autors.
Gänzlich neu sind die Kapitel «Die Mauer mit Kinderaugen» und «Der BFC war schuld am Mauerbau 5 und 6». Alle anderen neu ins Buch gerutschten Geschichten erschienen bereits in anderen Publikationen. «Schöner singen!» etwa unter anderem im Grenzstadtkurier Nr. 9 von 2015.
Der neue «Der BFC war schuld am Mauerbau» ist wie eine Schallplatte mit grosszügigem Bonusmaterial. Und vielleicht liest man manche Geschichten heute auch anders als 2002. Was damals Gegenwart oder jüngste Vergangenheit war, ist inzwischen selbst ein Stück Fussball- und Fankulturgeschichte geworden.
Auch die im Buch verbliebenen Kapitel wie etwa «Ich war ein Freizeitloser, der ziellos in den Tag hinein arbeitete», «Zonenschläger», «Tag der Technik» oder «Für meine liebenswerte Kerkermeisterin» wurden überarbeitet.
Einige Texte sind zeitlos. Andere erzählen von einer Zeit. Der Sound macht die Texte von Andreas aus – und die überraschenden Einfälle. Manche Wörter und Sätze bleiben einem im Gedächtnis hängen. Etwa «Freizeitloser» statt «Arbeitsloser». Herrlich. Oder wenn «David Hasselhoff die Kinder vom Falkplatz befreite». Es entstehen Bilder im Kopf.
Wem die Mischung aus Fussball, Alltag und Subkultur zusagt, wer die Liebe zur Eckkneipe genauso mag wie das Lesen eines Buches, wer einfach in keine Schublade passt oder für einen Moment in diese Welt eintauchen möchte, der ist bei «Der BFC war schuld am Mauerbau» richtig.
https://www.arete-verlag.de/produkt/der-bfc-war-schuld-am-mauerbau/
Nie vergehender BFC-Kosmos, 2026.
Unscharfes Bild der Schweizer Lesetour. Basel, 2014. Mein Lieblingsfoto dieser Tour.
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