Fanzine Chronicles: Zwei Profis on Tour - Italienreise 2012

Veröffentlicht am 16. März 2026 um 16:26

Erschien erstmals im Grenzstadtkurier Nr. 7 (2013) - Komplett neu überarbeitete Version

Man liest gerne von grossartigen Stadien. Noch lieber liest man, wie jemand grandios daran scheitert, eines zu betreten.
2012 standen zwei kleine Fussballreisen auf dem Programm. Wochenendtrips, nicht mehr. Im Januar ging es nach Norditalien, im Oktober nach London. Serie A und Premier League.

Normalerweise bevorzuge ich kleinere Fussballorte. In England hatte ich auf dem Mittelklasse-Level – Brighton, Crystal Palace oder Millwall – schon manches gesehen. Italien hingegen war für mich völliges Neuland. Also beginnt man dort halt gleich mit der grossen Bühne.

Der Plan war einfach: drei Tage, drei Spiele.
Rückblickend war das vielleicht etwas optimistisch.

 

Bergamo: Pizza, Rotwein – und ein Snackautomat

Freitagabend kamen wir in Bergamo an. Pizza, Rotwein, Dolce Vita – du kannst kommen.
In der winterlich kalten Stadt liessen wir uns zu Fuss vom Handy navigieren. So lange, bis alle Pizzerien geschlossen hatten.
Na gut, Bergamo ist keine Kleinstadt. Da wird man doch noch irgendwo etwas Warmes zu essen finden.
An einem Snackautomaten liefen wir vorbei und liessen ihn lachend links liegen. Das sollten wir noch bitter bereuen.
Da – ein McDonald’s. Wir kommen an die Tür, und der Angestellte schliesst direkt vor uns ab.
Also weiter Richtung Bahnhof. Dort hat doch immer irgendetwas offen. In der Ferne leuchtet tatsächlich ein Kebabstand. Menschen kommen uns schon mit Kebabs in der Hand entgegen.
Natürlich gibt es keinen mehr, als wir ankommen.

Stattdessen werden uns auf dem Bahnhofplatz Drogen angeboten. Wahrscheinlich sahen wir entsprechend verzweifelt aus.

Unsere letzte Hoffnung: der Snackautomat, den wir Stunden zuvor irgendwo gesehen hatten.
Weit nach Mitternacht und nach einigen Fluchwörtern fanden wir ihn wieder. Bei Kaufhausmusik und Dreieck-Sandwiches standen wir also halb verhungert vor diesem Automaten.
Bella Italia.
Dafür waren wir gefühlt zehn Kilometer gelaufen.

 

Atalanta Bergamo – Juventus Turin (0:2)

Am nächsten Abend ging es zum altehrwürdigen Stadio Atleti Azzurri d’Italia.
26'000 Zuschauer – ausverkauft.

Das ganze Jahr über hatte es dort kein einziges ausverkauftes Spiel gegeben. Ausgerechnet jetzt.
Dazu personalisierte Tickets. Also praktisch unmöglich, noch irgendwo eine Karte zu bekommen.
Ein Ticketschalter hatte zwar offen, doch der verlangte einen Preis, für den man normalerweise eine halbe Saison hätte zuschauen können.

So sieht also der legalisierte Schwarzmarkt aus. Die Verbrecher sitzen jetzt einfach im Kassenhäuschen.

Wir rannten wie Idioten mehrfach ums Stadion, immer auf der Suche nach einer Karte. Dabei ernteten wir schon skeptische Blicke von lokalen Messerstechern.
Dann der Moment.
Ein alter Mann mit einer Karte zu viel.

Schnäppchenpreis. Falscher Name auf dem Ticket – aber egal.
Ich hatte also eine Karte. Mit falschem Namen zwar, aber immerhin. Grosszügig reichte ich sie meinem Bekannten weiter.
Der ging zum Eingang.
Problem: Ausweis im Hotelzimmer vergessen.
In Italien kommt man so nicht rein.
Also landete die Karte wieder bei mir.
Mit Ausweis und falschem Namen hatte ich mehr Glück. Ich war drin.

Das erste Tor für Juventus schoss der Schweizer Stephan Lichtsteiner. Hinter mir fluchte eine Bergamasker Rentner-Gang nun wild vor sich hin.
Die Atalanta-Tifosi wirkten mit ihrem Support erstaunlich britisch – nicht nur wegen der Union Jacks in Blau, Schwarz und Weiss.
Währenddessen sass mein Bekannter mit deutschen Groundhoppern in der Stadionbar. Die hatten auch keine Karten.

Novara Calcio – AC Milan (0:3)

Am nächsten Tag ging es weiter nach Novara, westlich von Mailand.
Novara spielte erstmals seit 55 Jahren wieder in der Serie A. Am Ende der Saison stiegen sie direkt wieder ab.
Beim Spiel gegen Milan handelte es sich praktisch um ein Derby.
Vorverkauf? Hatten wir versucht. Doch die Ticketagenturen mit ihren Fantasiepreisen waren jenseits von Gut und Böse.
Novara war die ganze Saison über nie ausverkauft gewesen.
Natürlich war es dieses Mal ausverkauft.
Für das knapp 18'000 Zuschauer fassende Stadio Silvio Piola gab es keine Karten mehr.
Sehr schade eigentlich.

Wenigstens gab es vor dem Stadion Salsiccia. Vor Frust ass ich gleich zwei.
Danach versuchten wir im Pub der Novara-Ultras etwas zu bestellen. Unmöglich bei dem Gedränge. Wenigstens auf die Toilette – das ging.
Beim Herausgehen brachte ich allerdings die verspiegelte WC-Tür nicht mehr auf und musste mich wie ein Idiot von der Putzfrau befreien lassen.

Das Komische: meinem Bekannten war genau das Gleiche passiert.
Nichts wie raus. Nichts wie weg aus Novara.
Langsam zeichnete sich ein Muster ab.
Zwei Profis auf Tour.

Inter Mailand – Lazio Rom (2:1)

Zurück nach Mailand. Ab ins San Siro.
83'000 Plätze – da müssen doch zwei übrig sein.
Diesmal überliessen wir nichts dem Zufall und standen bereits Stunden vor dem Spiel am noch geschlossenen Kassenhäuschen. Es war eisig kalt.
Mit meinen coolen, aber völlig wetteruntauglichen Gola-Turnschuhen holte ich mir beim langen Stehen auf eiskaltem Beton – und vermutlich auch durch die nächtlichen Märsche in Bergamo – eine schmerzhafte Sehnenentzündung.

Nun hatten wir endlich Karten.
Nur konnte ich nicht mehr laufen.

Mein Bekannter schleppte mich ins San Siro. Ins Heiligtum. Fast oberster Stock – keine einfache Sache, wenn jeder Schritt wie die Hölle schmerzt.
Und dann war er da: der italienische Fussball.

Wir sassen nebeneinander im Stadion, den Tränen der Rührung nahe. Den Tränen der Erleichterung.
Bei mir waren es bald eher Tränen der Schmerzen.

Um uns herum hüpften die Ultras glückselig. Der beissende Rauch der Bengalos betäubte meinen Fuss wenigstens ein wenig.
Nach dem Spiel wurde ich zum Auto geschleppt. Ein paar Kilometer später liessen wir uns am Steuer gleich noch blitzen.
Natürlich erst in der Schweiz, wo es richtig teuer wird.
Wenn schon, dann richtig.

Zuhause ging es direkt zum Notarzt.

Andere brauchen Aserbaidschan für ein Abenteuer.
Für uns reichte das Land südlich der Alpen.

In England sahen wir dann übrigens alle Spiele.

The Terrace Poem

Kaltes Beton, ein Ticket in der Hand,
der Weg zum Spiel ist länger als gedacht.

Hunger, falsche Namen, verschlossene Türen,
doch irgendwo singt immer eine Kurve.

Bengalos brennen, der Schmerz wird leiser,
der Ball rollt durch eine fremde Nacht.

Manchmal verliert man alles auf Reisen –
nur die Geschichten bleiben.


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