Fahrt durch Lustenau, Menschen mit grünweissen Schals strömen mir entgegen zum Reichshofstadion. Austria Lustenau spielt heute vor 4'000 Zuschauern gegen den WAC, Bundesliga, höchste österreichische Liga. Ich fahre in die andere Richtung, zum Stadion an der Holzstrasse vom FC Lustenau. 500 Zuschauer, Regionalliga West, dritthöchste Liga.
Parken kann man beim Stadion des FC Lustenau nicht, man muss weit ausserhalb ins Industriegebiet und dann durch Quartiere und Gärten laufen. Von weitem hört man schon den Stadionsprecher. Es ist noch Ferienzeit, deshalb gibt es kein Matchprogramm und der Fanshop bleibt geschlossen, alles ehrenamtlich. Dafür gibt es die Saisonkarte zu erwerben und einen Bierpass. Die FCL-Saisonkarte gilt gleichzeitig für den EHC Lustenau und HC Lustenau. Die sportlichen Nummern 2, 3 und 4 der 24'000-Einwohner-Stadt unterstützen sich gegenseitig. Man muss sich Zuschauer sichern gegen die grosse Austria, gegen den Profibetrieb in der Kleinstadt.
Die Spiele finden öfters gleichzeitig statt, wie zum Trotz. Doch woher kommt diese Rivalität?
Austria vs. FC 07
FC Lustenau 1907 und Austria Lustenau verbindet eine über hundertjährige, teils erbitterte Rivalität um die fussballerische Vorherrschaft in Lustenau. Schon in der Zwischenkriegszeit waren die beiden Vereine nicht nur sportliche Gegner, sondern standen für unterschiedliche gesellschaftliche und politische Milieus: Der FC wurde dem liberal-grossdeutschen, die Austria dem katholisch-konservativen bzw. christlichsozialen Umfeld zugerechnet. Wie sehr diese beiden Vereinswelten bis heute unterschiedliche Geschichten erzählen, zeigt auf eigentümliche Weise die Hugo-Kleinbrod-Kapelle, die seit 2007 im Austria-Stadion steht. Es ging also nicht immer nur um Fussball, sondern auch darum, welches Lustenau man repräsentierte.
Dabei muss man allerdings aufpassen, die alten politischen Lager nicht einfach mit dem späteren Nationalsozialismus gleichzusetzen. Im liberal-grossdeutschen Milieu fassten deutschnationales und später auch völkisches Gedankengut besonders früh Fuss, doch „grossdeutsch“ bedeutete nicht automatisch nationalsozialistisch. Umgekehrt gab es auch im katholisch-konservativen Milieu Anhänger und Gegner des Nationalsozialismus. Mit dem Aufstieg der NS-Bewegung verliefen die alten politischen Grenzen deshalb keineswegs mehr sauber. Gerade diese Überlagerung macht die politische Geschichte Lustenaus so kompliziert.
Dadurch wurde das Derby für manche Anhänger zu einem Stellvertreterkampf zwischen „unserem“ und „eurem“ Lustenau. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg gab es rund 50 Derbys, begleitet von Pressefehden, aufgeheizter Stimmung und Ausschreitungen, sodass teilweise sogar Platzordner eingesetzt werden mussten. Auch sportlich kämpften beide Vereine lange auf Augenhöhe und um die Frage, wer der führende Fussballverein der Gemeinde sein sollte. Es war keineswegs vorgezeichnet, dass die Austria einmal der grosse Profiverein und der FC der kleinere Bruder sein würde.
Später verlagerte sich der erbitterte Kampf um die Vorherrschaft in den Profifussball. Zwischen 2001 und 2013 trafen FC und Austria 37-mal in der zweiten österreichischen Liga aufeinander. Rauchbomben, Knallkörper, Verletzungen, Festnahmen und Auseinandersetzungen zwischen Fangruppen gehörten immer wieder dazu. Das waren keine freundlichen Lokalduelle, sondern Spiele, bei denen es für viele um weit mehr ging als drei Punkte.
Der FC war dabei keineswegs von Anfang an der kleinere Verein. Mit seiner Gründung 1907, grosser Anhängerschaft und eigenem Stadion war er lange ein ernsthafter Konkurrent der jüngeren Austria. Erst ab den 1990er-Jahren kippte das Kräfteverhältnis deutlich zugunsten der Austria, die 1997 in die Bundesliga aufstieg. Der FC spielte ebenfalls jahrelang im Profifussball, zog sich aber 2013 zurück. Es hätte also durchaus anders kommen können: Mit anderen Aufstiegen, anderen Finanzen, einer anderen Vereinsentwicklung könnte heute der FC der grosse Profiverein Lustenaus sein und die Austria der kleinere Traditionsklub.
Alltag als Tabellenletzter in der Regionalliga
Das Spiel gegen den FC Kufstein war keine gute Werbung für die Regionalliga West. Der FC Lustenau war nach vorne harmlos, richtig besorgniserregend waren aber die in schöner Regelmässigkeit auftretenden Fehlpässe, die ein stärkerer Gegner locker in Chancen und Tore umgemünzt hätte. Nicht so die Tiroler vom FC Kufstein, die selbst zu harmlos waren. So lief das Spiel auf bescheidenem Niveau, vergleichbar mit schwachen Mannschaften in der 2. Liga Interregional. Kurz vor der Pause kam Lustenau zum 1:0, Mitte der zweiten Halbzeit erzielte Kufstein den leistungsgerechten Ausgleich.
Es wäre Lustenau zu gönnen, könnten sie sich in der drittklassigen Regionalliga halten. Hier gehört der Verein hin – wegen seiner Geschichte, wegen seines treuen Publikums und erst recht wegen seines wunderbaren Stadions an der Holzstrasse. Seit über 100 Jahren spielen die Blauen an dieser Stelle, in den 1950ern wurde die heutige Tribüne errichtet, ein echtes Kleinod, gelebte Geschichte. Der Verein pflegt eine Freundschaft zu den Blue Stars Zürich, zuletzt gab es im Februar ein Freundschaftsspiel. Immer wieder wurde der FC Lustenau auch von einer aktiven Fanszene unterstützt, einige der alten Garde finden sich noch heute ein, wenn es auch ruhiger geworden ist.
Nach dem Spiel verlassen die FC'ler ihr geliebtes „Holz“. Und dann hören sie direkt davor die Gesänge aus dem 1500 Meter entfernten Reichshofstadion, den Jubel, das Geschrei, den Profibetrieb. Sie hören es auf dem Weg, in ihren Gärten und Lauben. Es hätte auch ihr FC sein können mit dem grossen Fussball. Vielleicht gehen sie auch ab und an zu den Grünen, was ihre Väter und Grossväter vielleicht nie getan hätten. Es fühlt sich dann an wie der Besuch beim erfolgreicheren Bruder, der aber vielleicht auch sein Herz verkauft hat, wer weiss das schon.
Was kümmern einen die Profis nebenan - im Holz wird seit 100 Jahren geflucht, gejubelt, getrunken und geliebt.
Eine "St. Galler Rote" wird beim FC Lustenau angeboten. Eine St. Galler Bratwurst hätte mich beim FC Lustenau weniger verwundert. Die Rote dagegen war eine Überraschung – länglich, dünner als ein Cervelat und irgendwie genau dazwischen. Ein kleines Stück Ostschweiz im „Holz“. Dazu ein Egger-Bier, Hela-Gewürzketchup, Ticket und Spielplan.
Die Austria und ihr neues Reichshofstadion - Grüne und Blaue kreuzen sich auf dem Heimweg.
Das Holz - Bei soviel Nostalgie und Melancholie müsste "The Boxer" von Simon & Garfunkel die Stadionhymne sein.
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