Hermann Toblers Vision von Fussball als einer Charakterschule
Gastbeitrag von Dr. Fabian Brändle, Wil SG, Historiker und Volksschriftsteller für The Terrace Companion
Ein Ursprungsort des Fussballs in der Schweiz sind Internate für die Söhne vermögender Eltern aus dem In- und Ausland. Namentlich britische Zöglinge und angelsächsisch inspirierte Lehrer sowie Kaufleute und Ingenieure verbreiteten ab den 1860er Jahren moderne Ballspiele rund um den Genfersee wie Lancy, „Le Rosey“ in Rolle, „Vittoz“ in Morges oder „La Villa Longchamp“ in Lausanne, die Wiege also des Schweizer Fussballs oder auch Rugbys, je nach Regelwerk, das praktiziert wurde. Die recht grosse britische Kolonie in Genf warb zudem unter einheimischen Studenten um „footballers“. Um 1870 jedenfalls gab es in der Calvinstadt bereits Lederbälle zu kaufen.
Die Ostschweiz hinkte nur um wenig hinten nach. Im elitären Rorschacher Institut „Wiget“ auf Schönberg wurde das moderne Ballspiel bereits um 1875 eingeführt. Dieses Institut besuchten nebst Schweizern auch Briten, Spanier, Italiener und sogar Südamerikaner, ein Hinweis auf die Internationalität des frühen Fussballs. Das „Fair Play“ sollte die Zöglinge disziplinieren, sie lehren, sich an Regeln zu halten, ihre Emotionen zu zügeln, einen Schiedsrichterentscheid zu akzeptieren, im Teamwork zu agieren und ihre Körper fürs Militär abhärten, aber auchmal kreativ zu sein und zu dribbeln, sich zu enfalten, Eigenschaften also, die in der wirtschaftlich-liberalen Gesellschaft jener Epoche mehr als gefragt waren.
Der Sport war auch bereits dem Begründer des reformorientierten, 1903 gegründeten „Landerziehungsheimes“ Hof Oberkirch in Kaltbrunn, Hermann Tobler, wichtig. Hermann Tobler sah sich selbst als Neuerer im Erziehungswesen, wollte weg von der „Schwarzen Prügelpädagogik“, weg von Tatze, Kopfnuss und Rohrstock. Er orientierte sich dabei an älteren Reformpädagogen wie Pestalozzi, Fellenberg, die bereits Ideen geliefert hätten, die jedoch leider nur ungenügend umgesetzt wurden. In Privatschulen, die an die Tradition der Internatserziehung anschlossen, sollten junge Menschen zu „naturgemässer Lebensweise“ und zu mündigen Staatsbürgern erzogen werden. Dazu gehörte eine gesunde Lebensweise mit Alkohol- und Tabakverzicht, Bewegung und möglichst langen Aufenthalten im Freien mit viel Licht, Luft und Sonne, also den klassischen Ingredienzen der so genannten „Lebensreform“, die um das Jahr 1900 herum gegen die grossstädtische „Degeneration“ und für eine „natürliche“ Ernährung kämpfte.
Das Schulprogramm des Hofs Oberkirch unter Hermann Tobler sah eine gewisse Stählung der Körper vor. „Diese Körper werden tragen“, prophezeite der Schuldirektor in seinem ersten Schulprospekt. Das Berufsleben erfordere gute Nerven, gesunde Organe und gesunde Sinne, zudem „Ausdauer, Mut, Entschlossenheit und Selbstbewusstsein“. Daher, so Tobler, seien am Hof Oberkirch Spiele dermassen wichtig, auch Turnen, Gartenarbeiten, Wanderungen in Feld und Wald, Bergtouren, zudem Eis- und Schneesport. Ein Bad nach diesen Anstrengungen erhöhe die „Behaglichkeit“, das Wohlbefinden und natürlich auch die Reinlichkeit. Hygiene war ein Schlüsselkonzept der Zeit um 1900 herum, nur reinlichen Menschen wurde es gelingen, die zahlreichen Krankheitserreger zu umschiffen.
Das wichtigste Spiel in Kaltbrunn war indessen der Fussball, und dies bereits um 1905, als das aus England „importierte“ Spiel noch vielen Schweizerinnen und Schweizern als „unschweizerisch“, „fremd“ galt. Ein Ausdruck der Gegner war damals „Fusslümmelei“. Tobler als Schuldirektor konterte, indem er die „Gewandtheit“ lobte, welche das Fussballspiel erfordere, auch die „Kraft“ und den „Mut“. So wurde der erste Fussballclub auf Hof Oberkirch bereits im Jahre 1908 gegründet. Die beinahe alljährlich stattfindenden Turniere gehörten zu den Höhepunkten im Schulleben. Die zweitägigen Treffen wurden mit einer prestigereichen Begegnung gegen die „Alt-Höfler“ beschlossen. Bisweilen stellten sich sich auch Gäste ein, beispielsweise aus dem Internat Chailly bei Lausanne. So wurde der Fussball zu einer Art interregionalen Sprache, zu einer lingua franca“, wie Expertinnen und Experten sagen.
Literaturtipp:
Blum, Iris. Monte Verità am Säntis. Lebensreform in der Ostschweiz 1900 – 1950. St. Gallen: VGS Verlagsgenossenschaft S. Gallen 2022.
Brändle, Fabian und Christian Koller. 4 zu 2. Die goldene Zeit des Schweizer Fussballs 1918 -1939. Göttingen: Verlag Die Werkstatt 2014.
Kaltbrunn, Hof, Oberkirch / Fotograf: Werner Friedli / ETH Bibliothek / Foto von 1953 mit Fussballtoren rechts unten.
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