Hopp Sanggalle, füre mit em Balle

Veröffentlicht am 20. Oktober 2026 um 07:18

Wie Vorarlberger Fussballer um 1985 in der Ostschweiz vom „Grenzgängerstatus“ profitierten.

Gastbeitrag von Dr. Fabian Brändle, Wil SG, Historiker und Volksschriftsteller unter anderem für The Terrace Companion (vormals fürs eingestellte SENF vorgesehen).

Es war eine wilde Zeit im Schweizer Fussball, die 1980er Jahre. Alternde Weltstars wie Karl-Heinz Rummenigge (Servette Genf), Kurt Jara (Grasshoppers Zürich), Mats Magnusson (Servette Genf) oder der französische Europameister Bernard Genghini (ebenfalls Servette) gaben sich in der damaligen Nationalliga A die Ehre.

In St. Gallen begann der blutjunge Chilene Ivan Zamorano seine grandiose Karriere, während der italienische Weltmeister Marco Tardelli (Juvenus) diese dort ausklingen liess. Mittendrin in dieser Ansammlung von jungen und alternden Superstars bewegten sich auch einige weniger bekannte Vorarlberger, die als so genannte „Grenzgänger“ das Ausländerkontingent des bereits im Jahre 1879 gegründeten Ostschweizer Vereins nicht belasteten. Der so genannte „Grenzgänger-Paragraph“ erlaubte es peripher gelegenen Vereinen, neben einem einzigen Ausländer zwei weitere Spieler jenseits der Grenze zu verpflichten. Der Rayon war jedoch eingeschränkt auf 30 Kilometer.

Wer waren nun die Vorarlberger Kicker, die den Ostschweizer Traditionsverein verstärkten?

Beginnen wir mit dem seinerzeit populärsten Vertreter des österreichischen „Grenzgängerkontingents“, mit Dietmar „Didi“ Metzler, der das Dress der „Espen“ im Jahre 1985 überstülpte. Gross geworden war Metzler beim FC Götzis im Vorarlberg, ehe ihm beim St. Galler Club FC Widnau viele Tore gelangen. In Österreich hatte es sich ihm keine Gelegenheit geboten, sich im Profifussball zu etablieren, so dass Metzler froh war um das Angebot des FC St. Gallen. Die Anerkennung des Grenzgänger-Status verzögerte sein Debut um einige Woche. Gleich beim ersten Einsatz gegen den FC Wettingen traf Metzler doppelt, eines der Tore war ein „Wembley-Tor“, das die mitgereisten Fans  verzückte. Schnell avancierte er zum Publikumsliebling, auch seiner schnellen Dribblings und genauen Flanken wegen. Metzler war Fussballer mit jeder Faser seines Körpers, die Fans spürten sein Herzblut. „Diiiiidi“, Diiiiiiidi“, schallte schrien sie durchs altehrwürdige, schmucke Espenmoos, ein Stadion (Kapazität ca. 15.000 Zuschauer), das an die Arenen unterklassiger englischer Vereine erinnerte. Später wechselte Metzler nach Linz, wo er insgesamt sechs Jahre verbrachte, erst beim LASK; dann bei Stahl Linz, was ihm den unverdienten Ruf eines Verräters einhandelte. Sein Spitzname war „Turbo“, neben Gerhard Rodax und Andreas Ogris gehörte er zu den schnellsten Stürmern im Land. Für ein Aufgebot ins Nationalteam hat es Metzler leider trotzdem nie gereicht. Nach der Karriere kehrte er ins Rheintal ins Wirtschaftsleben zurück und trainierte dort unterklassige Mannschaften. Er lebt mit Anita zusammen in Hohenems.

Ein Vorgänger „Didi“ Metzlers beim FC St. Gallen war von 1977 bis 1985 der elegante, gut aussehende defensive, bissige Mittelfeldspieler Martin Gisinger (geboren 1955), der es bis ins Nationalteam schaffte und dort in sieben Einsätzen immerhin zwei Tore erzielte. Gisinger wurde bei Mäder und beim Zweitligisten FC Dornbirn 1913 ausgebildet und entwickelte dort seine Qualitäten und seine ausgesprochene Torgefahr. In der schweizerischen Nationalliga A erzielte er, bemerkenswert für einen Defensiven, beinahe 50 Goals, viele davon per Freistoss. Martin Gisinger war aber auch ein Mann des „letzten Passes“ und fand oft eine Lösung, wenn es darum ging, Räume zu öffnen.

Eine Stärke der „Espen“ war stets das kampfbetonte Spiel, Gisinger jedoch würzte diesen brachialen Stil mit einer Prise Raffinesse. Nach seinen besten Jahren bei St. Gallen wechselte Gisinger über den Rhein zum FC Vaduz ins Fürstentum Liechtenstein, wo er seine Karriere ausklingen liess.

Schon früh, mit nur gerade 22 Jahren, hat Gisinger in Mäder ein Haus gebaut und bei der örtlichen Raiffeisenbank gearbeitet. Zunächst arbeitete er auch als Spieler des „FCSG“  weiter in der Bank und ging nur zum Abendtraining, ehe die Belastung zu gross wurde und er zum „Standby-Profi“ wurde. Seine Frau wollte den Vorarlberg nie verlassen, vielleicht hat deshalb die ganz steile Karriere nie stattgefunden. Gisinger war da ganz Familienmensch und war einer der Letzten, die Beruf und Fussball unter einen Hut brachten. Gisinger leitete die Raiffeisenkasse, ehe er pensioniert wurde und heute seine Rente geniesst.

Ein Jugendfreund und Spielkamerad Martin Gisingers bei Dornbirn 1913 war Gerhard Ritter (geboren 1956 in Dornbirn), der gemeinsam mit seinem Freund den Aufstieg in die höchste österreichische Liga anstrebte und erst einmal enttäuscht war, als Gisinger den Verein aufgrund finanzieller Schwierigkeiten in Richtung Ostschweiz verliess. Ritter war auch ein begabter, durchaus torgefährlicher offensiver Mittelfeldspieler. Er hatte für verschiedene Vorarlberger Vereine wie Dornbirn 1913, Admira Dornbirn und Austria Lustenau gespielt, ehe er zu St. Gallen wechselte und dort gemeinsam mit seinem Freund Gisinger das Spielniveau anhob. Damals entwickelte sich der Verein vom „Zitterclub“ zum schweizerischen Spitzenclub, der gar in Europa mitmischte und gegen Inter Mailand spielte. Ritter war von kleiner Statur, verfügte aber über ein gutes Auge und über eine feine Technik. Wie sein Freund Martin Gisinger verströmte er auch Torgefahr.

Der letzte Vorarlberger „Grenzgänger“, der den FC St. Gallen verstärkte, war ebenfalls ein Mittelfeldspieler, nämlich Hannes Gort (geboren 1963). Wie schon Gerhard Ritter hatte auch Hannes Gort bei einigen Vorarlberger Vereinen wie Bregenz und Dornbirn gespielt, ehe er zu den „Espen“ wechselte und dort zuverlässig seinen Mann stellte. Insgesamt spielte Gort drei Jahre lang in St. Gallen, ehe er in die österreichische Bundesliga wechselte, die Karriere aber bereits mit 25 Jahren beendete. Er wäre im modernen Fussball wohl eine klassische Nummer sechs, ein Abräumer und Mann des ersten Passes. Im Gegensatz zu Metzler, Gisinger und Ritter verrichtete Hannes Gort seine Arbeit eher unauffällig, erntete aber doch Respekt von den Fans im Espenmoos. Wie Gort in einem Interview anmerkte, erlebte er die Ostschweiz freundlich, der Mentalitätsunterschied sei nicht so gross gewesen.

Das Bosman-Urteil hat bekanntlich auch im Schweizer Fussball die Karten neu gemischt, fortan galt die Freizügigkeit für Fussballer aus dem EU-Raum. Der „Grenzgänger-Paragraph“ hat eine Zeit lang vor allem den FC St. Gallen etwas bevorteilt.

Der Traditionsverein aus der Ostschweiz schaffte es, gute Spieler aus dem „Ländle“ zu integrieren und mit ihnen ein Stück weit vorwärts zu kommen.

 

Didi Metzler und Martin Gisinger

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